Laudatio von Karin Weber, Kunstwissenschaftlerin
zur Eröffnung der Ausstellung „Buntschatten“  

am 04.02.2010 in der Galerie Mitte in Dresden

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

unerschöpflich scheint die Fabulierlust von Kerstin Borchardt, wenn sie gedanklich, wie Alice im Wunderland, die andere Seite des Lichts betritt, die Welt der Schatten, die nicht in Schwärzen zu ertrinken droht, sondern, im Gegenteil, mit der Kraft der Erinnerung voller Farben ist.

Hier manifestiert sich das, im Kommen und Gehen, was sich im Traum überlagert, verwischt, verdichtet, verwebt auf ungemein inspirierende Weise und irrlichternd mehrdeutige Klarsichtigkeit schafft – Buntschatten.

Der Titel dieser Ausstellung ist Programm.

Anders ausgedrückt: dort, wo die Schatten bunt sind, befindet sich das Arkadien von Kerstin Borchardt.

Sie kennt sich aus mit der Stofflichkeit von Materialien und Oberflächen. Sie lässt sich verführen und berauscht sich sinnlich an Texturen, die aus dem ursprünglichen Zusammenhang gerissen, neue schaffen. So sind ihre Bildwerke, rätselhaft wie schön, ein lebendiger Entwurf strategischer Neuordnung und Nuancierung der eigenen Erfahrungswelt.

Geboren in Mühlhausen, studiert in Halle an der Saale, gelebt und gearbeitet in Berlin, ist ihr Lebensmittelpunkt seit 2004 Gotthun im Mecklenburger Land.

Umgeben von Wald und Ackerfurche, genießt sie die Freiheit, sich in sich selbst zurückzuziehen, neben ihrer kunsttherapeutischen Arbeit, und in künstlerischer Ausgelassenheit den eigenen Schwingungen auf den Bildträgern zu folgen und in der Orchestrierung der Malmittel das Innere atmend zum Klingen zu bringen.

Was sich da auf der Fläche ereignet sind Phantasmagorien einer reichen Innenwelt, deren Zeichen keine schrille Buntheit ist, sondern ein sensibles Farbfeuerwerk, das die Phantasie des Betrachters beflügelt. Die Bildpoesie integriert geheimnisvolle Geschichten – Atempausen – denen nur ein Wünschelrutengänger auf den Grund zu gehen vermag.

Was Kerstin Borchardt den Formen nicht auferlegen möchte, die sich ob gewollt oder zufällig herauskristallisieren, fasst sie in Worte.

Es sind Worte, die sich wie Kaskaden aneinanderreihen, kategorische Imperative, Klangbilder, die sich beim Hören als Widerhaken im Geist festsetzen und Assoziationsketten auslösen.

Wortschichtungen sind ihr demzufolge ebenso wichtig wie Bildflächenschichtungen, die verdecken, abdichten und glanzvoll hervor schimmern lassen. Worte sind Fluchtpunkte und bedeuten gleichzeitig Sicherheit, wo sich Formen auflösen können. Doch was ist, wenn der Wortsinn aussetzt, Manipulationen ausgeschaltet sind und das Sehen in den Vordergrund rückt? Dann sind wir wieder in der Bildwelt angelangt, in den landschaftlich akzentuierten Phantasiegärten.

Hier kann man verweilen, um mit sich ins Reine zu kommen, um wieder einmal nur zuzulassen, was einem in den Sinn kommt. Zarteste Schichtungen wechseln mit einem leuchtenden Farbspiel, einer faszinierenden Ornamentik, die mehr andeutet als hervorhebt, einem fabulösem Netzwerk von Tuschelinien, einem Vor- und Zurücktreten von Strukturen, Linien, Punkten, Floralem.

Zeitungspapier fließt ein, doch die einst eindeutigen Informationen verflüchtigen sich ins Unfassbare, so wie Farbe ins Spiel kommt, Buchstaben reduzieren sich auf deren ästhetischen Wert. Es wäre nicht falsch zu behaupten, dass sich Kerstin Borchardt von Materialien inspirieren lässt und diese selbst inspiriert, ihrer Intuition zu folgen: Packpapier, Seidenpapier, Japanpapier, Pigmente, Wachskreiden, Tusche, Acryl. Sie kombiniert die Collage mit der Monotypie, dem Holzdruck und dem Scherenschnitt, der Frottage.

Das Eine geht in das Andere über. Das Andere bedingt das Eine. Die ewige Metamorphose von „Stirb und Werde!“ Es gibt unausweichliche und unzerstörbare Zusammenhänge und Gesetzmäßigkeiten, dessen ist sich Kerstin Borchardt bewusst und so zieht sie stetig und unaufhaltsam ihre Spur.

Sie liebt es zu kommunizieren, zu assoziieren, zu fabulieren. Ihr Stil ist es, die Schöpfung quellender, sich verströmender Bildgefüge – analog dem Gedicht – in die Zucht eines eigenen bildnerischen Versmaßes zu bringen.

Diese Ausstellung behauptet sich als Seelen- und Augenweide für diejenigen, die am distanzierten Kunstspektakulum keine Freude mehr haben und denen die Lust am Sehen doch noch nicht vergangen ist.

Großartig, wie die Künstlerin eine dreiwöchige Reise mit künstlerischem Symposium und Ausstellung nach Japan, in die alte Kaiserstadt Kyoto und nach Maizuru, in einer Wandinstallation von bordeauxfarbenen Tondi verarbeitete.

Sie erzählte mir, dass sie immer noch Kunstpostkarten aus DDR-Zeiten mit Farbholzschnitten von Hokusai ihr Eigen nennt.

Ich denke mir aber, dass wenn man Bezüge herstellen möchte, die Begegnung mit Roger Bonnard für sie besonders prägend war, der beobachtend, fordernd und kreativ anregend ihre Arbeit verfolgt und auch mich auf ihr Werk aufmerksam machte.

Gehen sie mit den Augen spazieren, meine sehr verehrten Damen und Herren, und entschlüsseln sie die Lebensfragmente von Kerstin Borchardt, die Räume einkreisen, irgendwo im Buntschattenreich, Räume der Leidenschaften, der Melancholie, Räume, in denen wir irgendwie zu Hause sind, in denen sich die Erosion unserer Zeit abspielt, die uns aber auch Mut machen, in denen ein Begehren und eine Sehnsucht wachsen.

Schönheit ereignet sich hier von Augenblick zu Augenblick. Alles bleibt in Bewegung.

Eine kontemplative Kraft von Figurationen, die jeder anders ortet in der sichtbaren Abstraktion ist den Werken eigen.

Sie werden nun eine Lyrik-Klang-Performance von Kerstin Borchardt und Rainer Heinrich Viltz erleben.

Ich wünsche Ihnen viel Vergnügen!

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Laudatio von Roger Bonnard, Maler und Grafiker
zur Vernissage  der Ausstellung  „Unendlich flüchtig“ am 20.12.2008

 „Unendlich flüchtig“ – auf Französisch „infiniment passager“

 Wer sagt, dass die französische Sprache melodischer ist als die deutsche?

...unendlich flüchtig... 2 Worte, die auf den ersten Blick widersprüchlich erscheinen. Stehen sie jedoch nebeneinander, reflektieren sie die Suche eines jeden Künstlers. Sind wir nicht immer auf der Suche nach dem „unendlich Flüchtigen“? Und was ist das für ein Stolz, wenn wir ES von Zeit zu Zeit  auf der Leinwand fixieren können, bevor es in unsichtbare Richtungen entschwindet.

 Wie alle guten Künstler weiß Kerstin Borchardt, das das Hauptproblem nicht das BEGINNEN ist, sondern das BEENDEN. Ein Kunstwerk ist nie fertig. Sie muss sich von ihm lösen, um mit ihrer Freude, ihrem Schmerz, ihren Zweifeln, ihrer Lebensphilosophie, ihren Wurzeln und ihrem Umfeld besser in ihm zu bleiben.

 Die „Geburt“ eines Kunstwerks ist nicht der Moment, wo der Künstler allein vor der weißen Leinwand ist, sondern der Moment der schwierigen Trennung des Malers von seiner Schöpfung, wenn er nämlich das „unendlich Flüchtige“ überlistet hat. Der Maler ist nicht mehr SCHÖPFER, sondern  ZUSCHAUER geworden.

 Nicht Vorstellung, Idee oder Konzept bestimmen die Kunst von K.B. Die Arbeiten entstehen aus dem Prozess des Machens heraus. Für sie ist das Papier nicht bloß ein belangloses „Trägermaterial“, bei dem es allein darauf ankommt, dass die Kohle des Zeichenstiftes gut angenommen wird. Stärke, Saugfähigkeit, Farbigkeit, Rand und Transparenz des Papiers- all das sind wichtige Bestandteile des Kunstwerkes. Die Arbeiten von K.B. sind keine Arbeiten AUF dem Papier, sondern Arbeiten MIT dem Papier.

Erwarten Sie bitte nicht von mir, dass ich Ihnen die Geheimnisse ihrer „Alchimie picturale“ verrate. Bildende Künstler sind wie große Zauberer oder Köche, die es nicht mögen, wenn man ihnen bei der Arbeit über die Schulter schaut. Nur das Resultat ist entscheidend.

 Lassen Sie mich dennoch einige Worte zu ihren Arbeiten sagen.

Wenn uns die Möglichkeit gegeben wäre, unser Gedächtnis zu materialisieren, so denke ich, dass das Ergebnis Kerstin Borchardts Arbeiten sehr ähneln würde. Jede Papierschicht dokumentiert einen Lebensabschnitt mit all seiner Freude, seinem Leid, seiner Farbigkeit und seiner Eintönigkeit. Die kleinen Dinge des Lebens können die großen Ereignisse nicht überdecken wie es auch umgekehrt nicht der Fall ist. Jeder Betrachter wird in ihren Werken etwas anderes sehen, etwas anderes finden, entsprechend seiner eigenen Lebensphilosophie.

 Dies gilt gleichermaßen für ihre Torsi  und Büsten. Sie erinnern uns durch ihre Strukturen und Formen an die geheimnisvolle Symbolik der Tattoo-Kunst verschiedener ethnischer Kulturkreise. Hinter dem „schönen Dekor“ offenbaren sie ihre mehrdeutige Natur und ihre „unendliche Flüchtigkeit“...

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NACH-Wort von Udo Klenner, Maler, Bühnen- und Kostümbildner
aus dem Katalog anlässlich der Ausstellung „Parallelitäten“

in der Galerie Hinter dem Rathaus, Wismar, Juli|August 2006 

Eine Künstlerin abseits der spektakulären Modern Art, abseits der großen Städte, wo das Leben tobt, wo jedes Geräusch, jeder visuelle Eindruck vom nächsten Impuls überzeichnet wird und der Vergessenheit anheim fällt... Abseits, aber Diesseits. Jenseits missionarischer Absicht, eher sich selbst suchend und findend. Sie nimmt wachen Auges alle Eindrücke und Anregungen in sich auf, die sie gleichsam transformiert und auf die Fläche, aufs Papier oder auf körperförmige Objekte überträgt.

Ihr künstlerisches Oeuvre beinhaltet hauptsächlich die abstrakte Malerei, das Experimentelle, welches sie bereichert mit Elementen der Collage und diverser Drucktechniken. Sie benutzt die Technik der Radierung, um subtile Grafiken entstehen zu lassen. Bedarf sie anderer Ausdrucksmittel, wählt sie eben auch die Textform.

Das übliche Schwarz der Lettern findet sich wieder in ihren Bildern, ohne Scheu davor, die Farbe Schwarz dominierend einzusetzen. Schwarz als Fläche, als Linie, als Strukturelement bestimmt etwas Konkretes. Nichts ist eindeutiger als Schwarz. Alle anderen Farben sind Nuancen zwischen Schwarz und Weiß. Zwischen diesen gegensätzlichen Polen bewegen sich ihre Arbeiten. Diese Zuspitzung drängt sie nach einer Abkehr, nach Harmonie.

Ein VOR-Wort für Kerstin Borchardt verbietet sich für mich in konsequenter Weise, weil Worte ihre Bilder einkreisen und einengen. Gegen diesen Tatbestand hat sie nichts einzuwenden, weil für sie ein Bildtitel-Text ein Angebot zur Kommunikation ist.
Der kultivierte Mensch mag seine Suppe lieber mit einem Löffel essen und somit zu dem Wesentlichen der Suppe Distanz mit einer Prothese schaffen. Ich plädiere für das animalische Ausschlürfen ihrer bildhaften Farbkonstrukte mit dem uns eigenen Augenmund. Ihre Bilder muss man sehen, empfinden, auf sich wirken und in sich hineinlassen. Dieses Experiment im Vorführraum Kopf zielt auf das geschmäcklerische Herz des Betrachters.

Ein VOR-Bild gibt es nicht, denn vor dem Bild(en) ist das Nichts oder höchstens die EIN-BILDung. Auf dieser Ebene ist der erste Strich der Beginn eines waghalsigen Abenteuers aus unserer mimetischen Perspektive.

Als erstes war das Wort. Nein. Das Bild. Nein. Oder ein Ton? Nein.
Der vage ENT-Wurf vielleicht? Das Wort Entwurf hat etwas von Entledigen, Loswerden, in die Welt stellen, aber dazu braucht man eine Idee. Ich nenne es Lust. Ihre Lust, sich künstlerisch eine Welt zu schaffen, die ihre Erfahrungen, Empfindungen und Wünsche wiedergibt, ist ihre ungeteilte kreative Triebfeder, deren Platz in der Gesellschaft jedes Mal aufs neue erobert und behauptet werden muss. Ähnlich verhalten sich ihre flirrenden Flächen, Linien und Strukturen, die sich gegenseitig überlagern, abdecken oder betonen, also konkret einen festgehaltenen Moment fixieren, somit Gestalt annehmen, nach vertrauten Schemas suchend und nach Bedeutung fragend.

Das Rätsel der Empfindung, wie still, wie gedankenverloren, wie aufregend.