Persönliche Leitgedanken

Was ist für mich Kunst? Was vermag Kunst? Ist Kunst für alle da?
Wenn ja, wann, wo und auf welche Weise begegnen wir Menschen uns selbst in unserer Kunst? Wird unsere Selbstschau im „Kunst-Spiegel“ erträglicher? Gelingt es mit Hilfe der Kunst unsere, die um uns selbst kreiselnden Gedanken ausbrechen zu lassen, eigene Mauern und Zäune einzureissen, gesetzte Grenzen zu überfliegen, um der Illusion von „persönlicher Freiheit“ ein gewisses Maß an Realität abzugewinnen?
Wie gestalten sich Dialoge zwischen uns Menschen auf dieser Ebene?

„Kunst“ spiegelt die menschlichen Zeitlinien wieder und negiert diese gleichzeitig. „Kunst“ lebt in Paradoxien und Parallelitäten. „Kunst“ ist für mich das unsichtbare Tiefgründige und auch das Abseitige, das Vielschichtige, dass selbstverständlich zu sein scheint, es jedoch keineswegs ist.

Kerstin Borchardt
Oktober 2012

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Gedanken zur Kunstschau 2010: „Zeitgänge – Lebensentwurf – Kunstarbeit“

Meine Antwort auf die Fragen von Gregor Kunz, Kurator der landesweiten Kunstschau
„Zeitgänge“ des Künstlerbundes MV  im Juli 2010 an alle 29 teilnehmenden Künstler

„Provinz“ - diesen Begriff benutze ich nicht für meinen gegenwärtigen Lebensort.

Ich nenne meine Adresse gern; sie klingt in meinen Ohren poetisch: „Müritzweg“ verrät die Nähe zum See – ich kann ihn sehen, wenn ich aus den Fenstern der oberen Etage sehe. „Müritzweg 7“ im Dreihundert-Seelen-Dorf Gotthun. „Gotthun“ , so erzählen die Chroniken, das ist der Ort des Chotun“. Vermutlich war er das Oberhaupt einer slawischen Sippe, vielleicht der erste Mensch, der vor denkbaren Zeiten seinen Leuten zurief:
„Hier wollen wir bleiben. Hier finden wir alles, was wir brauchen!“

Ich kenne diesen Ort schon seit meinen Kindertagen. In den 1970er Jahren verbrachte ich in drei Sommern je drei Wochen der Ferien zusammen mit meiner Familie auf dem nahe gelegenen Campingplatz. Wenn wir endlich den weiten Weg aus Thüringen hierher per Automobil hinter uns gebracht hatten, war Etwas zu erleben, was wir zivilisierte Menschen damals wie heute mit den romantisch verklärten Vorstellungen einer „Aussteiger-Freiheit“ verbinden.

Ich habe sehr schöne Erinnerungen an diese Ferien.

[...]

Zugegeben, die relative Nähe zur Hauptstadt , wo ich in den 90er Jahren nach meinem Studium gelebt habe, machte mir die Entscheidung leichter. Berlin ist eine Großstadt, in der ich unbemerkt und nur von meinen eigenen Befindlichkeiten geleitet, auf- und abtauchen konnte, dreckige und grelle Buntheiten zu schauen liebte, vielerlei Kunst und Künstlichkeiten entdeckte – die Stadt inspirierte und entmutigte mich auch gleichzeitig.

In meinen Berliner Jahren habe ich auch die Themen entwickelt, die mich heute noch beschäftigen und letztlich doch zu meinen eigenen Statements drängen, obwohl es schon so viele Bilder, so viele Kunstwerke gibt.

Was ist für mich Kunst ?

Diese Frage, die „nur“ meine subjektiven Ansichten provozieren will, zwingt mich, über Etwas verbal schwer zu Fassendes wieder und wieder bewusst zu reflektieren, so dass ich nun von dem Gedachten Einiges in Worte fassen möchte. Dabei erhebe ich keinen Anspruch auf Vollständigkeit oder auf die Endgültigkeit meiner Überlegungen.

„Kunst“ ist ein heutzutage leider über die Maßen strapazierter Begriff, der von „Jedermann“ bewundernd oder geringschätzig ausgesprochen und benutzt wird für Vieles und zu oft mit dem Begriff „Kreativität“ verwechselt wird, wobei selbige natürlich ein Aspekt der „Kunst“ sein sollte. „Kunst“ ist heute im günstigen Fall Recycling einer schon seit langer Zeit absurd gewordenen Waren- und Ideen-Welt mit der Möglichkeit einer positiven Transformation in die nähere Zukunft.

„Kunst“ sollte für mich philosophische Fragen berühren und allgemein-existenzielle und /oder spannende künstlerisch-formale Auseinandersetzungen enthalten. „Kunst“ spiegelt die menschlichen Zeitlinien wieder und negiert diese gleichzeitig. „Kunst“ lebt in Paradoxien und Parallelitäten.

„Kunst“ ist für mich das Schwierige, dass Leichtigkeit suggeriert, das unsichtbare Tiefgündige und Abseitige, das Vielschichtige, dass selbstverständlich scheint. „Kunst“ ist für uns Menschen – rein biologisch-physikalisch gesehen – mit bloßen Augen nur oberflächlich betrachtbar.

Die „Kunst-Oberfläche“ sollte die Unmöglichkeit zeigen, flüchtige Momente darstellen zu können, diese Tatsache jedoch rational und vor allem emotional erfahrbar vermitteln.

Auf mein eigenes Tun bezogen, ist „Kunst“ verbunden mit dem angenehmen Gefühl einer Unabhängigkeit von Zeit. Der Begriff „Muße“ beschreibt dieses Gefühl immer noch am Treffendsten.

Einerseits ist „Zeitlosigkeit“ für mich eine Voraussetzung, welche mich in die Lage versetzt, mich auf einen schöpferischen Prozess einzulassen, mich diesem zu ergeben. Andererseits ist „Zeitlosigkeit“ auch ein Prädikat das ich gerne meinen Arbeitsergebnissen zugeordnet wüsste.

Was meine Empfindungen für die vergehende Zeit betrifft, so denke ich, dass diese mehr an das Lebensalter, Zäsuren setzende Ereignisse und individuell sehr verschiedenes Erleben gebunden sind, als an die Frage, ob ich mein irdisches Dasein in der Stadt oder auf dem Land verbringe.

„Entschleunigung“ ist ein schönes Wort. [...]

Mit Hilfe meiner langsam entstehenden, geschichteten Collagen-Bilder trete ich den gewalt(tät)igen Bilderfluten der Medien entgegen.

Im experimentellen Umgang mit den unterschiedlichsten Papierqualitäten und der Vielfalt künstlerischer Techniken, im Nebeneinander von gebrochenen und reinen Farben, sanften Übergängen und starken Kontrasten will ich die Augen der Betrachter verführen und dem flüchtigen Sehen ein längeres Spiel mit wechselnden Wahrnehmungen und imaginären Gedankenwelten offerieren.

Was auf den ersten Blick informell erscheint, offenbart dem zweiten Blick Mauern und Zäune, Tore und Fenster, bizarre Landschaften und auch Figuren.

Diese vielschichtigen Vexierbilder lasse ich oft auf den Seiten verschiedener Tageszeitungen entstehen. Deren scheinbar sichere Informationen sind nur noch teilweise lesbar, werden in Frage gestellt und sind mehrdeutig.

Nichts ist sicher zu wissen. Wir ahnen unendlich viele Parallelitäten und erkennen doch nur flüchtige Zwischenzeichen.

Die Landschaften auf meinen Bildern bringe ich eher mit „Seelen-Landschaften“ in Verbindung als mit den real existierenden, mich umgebenden Landschaften. Und doch will ich die mich befriedenden Einflüsse nicht bestreiten,die die Natur hinter unserem Haus auf mich ausübt.

Das weite Feld hinter unserem Garten ohne Zaun, die um eine alte Eiche weidenden Rinder des Bürgermeisters, der Waldrand am Horizont und die schmale, mit Betonplatten befestigte Straße zu den Campingplätzen lassen mich wissen, dass ich meine eigenen Prioritäten  setzen kann.

Kerstin Borchardt
April 2010


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Nach Japan...
Resümee eines dreiwöchigen Arbeitsaufenthaltes

Meine Antwort auf die Fragen, die Dr. Ulrich Ptak (Kunsthalle Rostock) an alle 12 Künstler stellte, die im Sommer 2008 auf Einladung der SEIKEI Universität Osaka und der Deutsch-Japanischen Gesellschaft Rostock e.V. in Kyoto und Maizuru weilten:

Japan ist für mich immer noch ein fernes Land, in das ich schon als Gerade-Noch-Kind gereist bin, natürlich nur in Gedanken, beim Ansehen der Kunstpostkarten, die ich mir gekauft hatte und welche die Farbholzschnitte von Utamaro, Hiroshige und Hokusai zeigten. Auch Japans Nationalfahne entzündete meine Phantasien offenbar so sehr, dass ich zu Beginn der 80er Jahre – den modischen Erfordernissen der Zeit Tribut zollend – ein weißes Netzhemd mit Japans roter Sonne verzierte... (Oft hatte ich allerdings nicht den Mut, auf diese Weise auf mich aufmerksam zu machen, glaube ich.)

Später, im Studium begegnete mir der fernöstliche Geist in Gestalt von Kunst und Design immer wieder. Und immer wieder fand ich es faszinierend, wie die Japaner den Spannungsbogen zwischen absoluter Strenge und Reduziertheit und blumig-poetischer Ornamentierung aufbauen, zeigen, dass Unperfektes perfekt ist, Nichts von Dauer ist und doch Nichts verloren gehen kann.

So gesehen, hatte ich also im Sommer 2008 eher Gelegenheit, meinem Mich-Art-Verwandt-Fühlen Realität zu verleihen als einen künstlerischen Paradigmenwechsel einzuleiten. Trotzdem gestehe ich, dass ich vor Beginn der Reise ziemlich hektisch noch Dies und Das über Japan gelesen habe und mich erst entspannen konnte, als ich mir hinreichend klar gemacht hatte, dass drei Wochen natürlich viel zu kurz sein würden, um mein geringfügig vorhandenes Vorwissen auf Richtigkeit zu prüfen, Japan-Klischees bestätigt zu finden oder auch einige mit Freuden zerstören zu lassen.

Darum geht es mir seit Japan noch dringender: mir meine eingeschränkte menschliche Perspektive immer wieder bewusst zu machen, damit die Lust nicht verloren geht, alles Gesehene und Erlebte immer wieder in Frage zu stellen, die Erinnerungen im Fluss zu halten – so wie die Philosophen zu allen Zeiten weltweit empfohlen haben, um das kurze irdische Dasein so gut wie möglich zu verbringen.

Deshalb experimentiere ich auch weiterhin, vor allem mit Papieren, sowohl mit den massenhaft hergestellten, wie auch den edlen, z.B. in Japan von Hand geschöpften... Ich schichte und klebe sie übereinander, was verdeckt wird, lässt ahnen... Ich übermale, ich bedrucke, will Strukturen, die sich in Farbfeldern auflösen und neu formieren. Ganz besonders reizvoll für mich: japanische Tageszeitungen. Die Unkenntnis der Sprache und ihrer Zeichen verstärkt in mir zwar das Gefühl zu wenig zu wissen und noch weniger je erfahren zu können, macht diesen Umstand jedoch gleichzeitig hinnehmbarer...

Und so färbe ich auch die japanischen Zeitungen nach Lust und Laune und erfreue mich dabei meiner vielen Erinnerungen an den Sommer 2008.

Was das Verrückteste ist, das mir in Japan begegnet ist?

Das war ich vielleicht selbst: für drei Wochen VER-rückt nach Japan!

Kerstin Borchardt
Mai 2009